Praktischer Einsatz Win 7 vs. Linux Mint als Desktops in der Schule

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Hier folgt ein praktischer Vergleich von Windows-Einsatz versus Linux (Mint) in unser Schule. Dass man theoretisch schnell den Vorteil des einen oder anderen OS herleiten kann, ist nicht immer dienlich, da zum Teil ideologisch befrachtet. Erfahrungen führen weiter. Nur damit werden Fakten und Fragen deutlich, an denen man sich orientieren kann.

In der Gegenüberstellung versuche ich häufige Argumente und Fragestellungen auf­zu­nehmen. Zugrunde liegt ein typischer Server-Client-Aufbau mit Thick Clients.

Win 7Win-7-logo-50Linux Mint linux-mint-logo
Kosten
Die Anschaffung und Implementierung von Windows-OS erzeugt erhebliche Kosten. Es fallen Lizenzkosten von cirka 100 Euro an. Ein Arbeitsplatz muss den Anspruch des jeweiligen Systems genügen.
Der Wechsel einer Win-Generation erfordert immer Neukauf aktueller Hardware oder Aufrüstung (z.B. RAM). Es kommen dann ca. 500 Euro Ausgaben hinzu.
Kleine Rechnung für 50 Rechner: 50 x 100 = 5.000 Euro; im worst Case zusätzlich mit neuer Hardware: 50 x 600 = 30.000 Euro.
Anschaffung und Implementierung kostet diverse DVDs, die zu brennen sind, also erstmal nichts. Der Aufwand, ein brauchbares Image für Schulrechner zu erzeugen, steigt allerdings je nach Einsatz­szenario. Uns hat es viel Zeit gekostet, nach brauchbaren Programmen zu forschen, die alt­bekannte ersetzen. Vielfach wurde allerdings deutlich, dass die bisher ein­ge­setzten auf Winbasis nicht mehr verwendet wurden, also überflüssig waren.

Alte Rechner der Generation Core2 Duo blieben zu unserer Freude perfekt einsatzfähig, sodass keine neue Hardware beschafft werden musste.
Aufwand Image
Für jede Rechnercharge ist ein PC als Master abzuzweigen oder zu erhalten, damit ein individuelles Image erzeugt werden kann. Aufgrund der Unterschiede in der Hardware-Ausstattung kommt es sonst zu Fehlern, falls eine defekte Maschine geklont werden muss.
Ein Image muss aktuell gehalten werden. Ein Update wiederholt sich also für diverse Images. Alle Updates müssen dann erneut eingepflegt werden.

Ein Win-Image ist sehr groß (>20 GIG), sodass die Übertragung auf PCs lange Zeit dauert.
Ein Image für alle Maschinen des Hauses ist aufgrund des Linux­kernels möglich, aber nicht immer erfüllbar. Kommen spezielle Geräte­konstel­lationen wie für Smartboard®-PCs vor, dann wird es mit Linux schwierig. Auch Spezial­anwendung wie unsere Lego®-Roboter® verlangen eine Win-Grundlage. Der Einsatz von virtuellen Maschinen steht hier noch am Anfang und wird wahrscheinlich viel Entwicklungszeit kosten.

Ansonsten ist die Ein-Image­philo­sophie für Ad­ministratoren sehr zeitsparend.
Ein Linux-Image ist mitsamt allen Pro­gram­men sehr klein (=5 GIG), sodass eine Ver­teilung per Image (Rollout) wenig Zeit kostet.
Programme
Die Win-Welt hat unbestreitbar die größte Auswahl an lauffähigen Programmen. So ist für den Bildungsbereich fast alles für Win vorrätig.Im Bereich Linux ist die Auswahl von Programmen groß, allerdings nur mager für den Bildungsbereich.
Pädagogische Einsetzbarkeit
Abhängig von Programmausstattung und Kompa­tibilität ergibt sich, dass Winrechner am vielfältigsten genutzt werden können.

Der Einsatz professioneller Software lässt berufsspezifische Schulung zu. Im Bereich von Berufsschulen wird der Einsatz von Win-SW unumgänglich sein.
Linuxrechner können unter Kompromissen gut für den Unterricht eingesetzt werden. Erfordert der Unterricht keine speziellen Programme, dann stehen die PCs für den Unterricht bereit.
_Recherche
diverse Webbrowser können genutzt werden.
_Office
Z.B. LibreOffice kann fast alles, was im Büro gefordert wird, von Schriftverkehr, Präsentation bis hin zur Tabellenkalkulation.
_Grafik und Foto
Pixel- (GIMP), Vektorgrafik (Inkscape), Foto (Darktable) wird im befriedigendem Maße durch (freie) Programme abgedeckt.
_Film
diverse Programme stehen für gute Bearbeitung bereit.
_Informatik
Zu betonen ist, dass Linux eine gute Basis für den Informatikunterricht darstellt. Die Strukturen entsprechen z.B. verbreiteter Server-Software (auch Linux).
_›Das richtige Leben‹
In Berufsschulen taugen Linuxrechner, außer in der IT- und In­for­matik­branche, weniger. Setzt man auf Vermittlung von Kompetenzen, sieht es anders aus. Flexibilität im Beruf setzt auf Flexi­bilität im Geist. Sprich: wer mit Open Source Soft­ware umgehen kann, sollte auch mit Kauf-SW zurecht kommen.
Lauffähigkeit
Win-OS ist stark abhängig von entsprechen­der Hardware. Nicht überall hat man zufrieden­stellen­de Lauffähigkeit. Win 7 hat allerdings eine gute Treiberausstattung.
Voraussetzung für den Einsatz ist aktuelle Hardware.
Linux-OS läuft dank aktueller Treiber auf einem breitem Spektrum an Hardware, also auf fast allem denkbaren. Das geht auf experimenteller Hardware wie Raspberry, älteren Geräten (z.B. Core2 Duo) bis aktueller Hardware (z.B. Core i5). Linux ist ›schneller‹, weil optimiert, alles aus der Hardware herauszuholen. Es gibt auch Distributionen (z.B. Lubuntu, Xubuntu), die speziell auf schwache Hardware ausgelegt sind.

Man fühlt sich geradezu angeregt, günstig gebrauchte PCs anzuschaffen, die genau dasselbe leisten können wie ein moderner Rechner - mit Hilfe einer Linuxdistribution!
Integration Netzwerk
Win-SW läuft gut bis sehr gut mit Win-Server zusammen. Ein Winserver bietet viele Features, aber das ist ein anderes Thema.Die Anbindung von Linux-OS in unser Win-Netzwerk ans AD hat die größte Mühe bereitet. Lösung bot am Ende der Einsatz von Likewise Open.
Wie gut die Einbindung in ein Linux-Netz­werk ist, werden wir demnächst erfahren. Ich berichte dann.
Akzeptanz
Win-OS ist den meisten Usern bekannt und wird problemlos angenommen. Der Admin muss sich wie immer mit veränderten (versteckten) Einstellungen herum ärgern.Die Möglichkeiten diverser Linux-OS und auch der GUIs sind sehr vielfältig. Aufgrund von Usability Schüler­versuchen hat sich eine größere Ak­zep­tanz von Win-7 ähnlicher GUI ergeben. Dazu zählen insbesondere Linux Mint Cinna­mon, Lubuntu, Mate. Experi­mente haben das Risiko von Ablehnung ins­be­sondere von der konser­vativen, ängst­li­chen Lehrer­schaft.
Schwierig ist eine Änderung lieb gewonnener Tools. Microsoft Word/Excel werden gerne als Basis zum Arbeiten gefordert. Der Wechsel zu gleich guten Open-Source Pro­grammen muss immer vor­be­rei­tet/begleitet werden.

Schüler sind weitaus flexibler in der Annahme von Neuerungen. Sie sind bis zu einem ge­wis­sem Grade experi­mentier­freudig. Der Einsatz von Open Source Software hat den Vorteil, dass sich die Schüler dieselbe SW wie in der Schule kostenlos zuhause in­stal­lieren können. Sie lernen modernes Ver­ständnis von OSS quasi von der Schule aus.
Pflege
Mit Windowssystemen hat man immer zu tun. Updates starten genau dann, wenn man sie nicht braucht (ich gehe jetzt nicht von zentral ge­steu­ertem Update-Server aus). Updates sind immer hyper­dringend, da sicher­heits­re­levant. Updates sind vielfältig und groß, zeit­raubend. Fehler schleichen sich ein, gerne in Kom­bination mit minimalen Än­de­rungen des Systems (es reicht schon eine falsche De­installation eines Programmes), kurz: es ist immer etwas zu tun.
Bei Problemen meldet sich meist eine kryptische Fehler­meldung. Googlen bildet. Macht eine Box zu viele Probleme, sollte man ein Image besser neu einspielen (›drüberbügeln‹), als langwierig Fehler­suche zu versuchen.
Die Serien­nummern­verwaltung von Windows ist katastrophal.
Linux-Systeme sind stoisch & stabil über die gesamte Laufzeit. Dringende Sicherheits-Updates kommen selten. Antiviren-Maß­nahmen sind obsolet. Updates sind störungsfrei, schnell geladen; ein paar Terminal­befehle reichen. Linuxsysteme sind robust. Sie vertragen auch typisches Schüler­handling (z.B. PCs ›ausknipsen‹ statt herunterfahren).
Laufzeit
Der Mainstream-Support für Win 7 Produkte endet Januar 2015. Die Extended-Support-Phase hält bis zum Januar 2020.Bei einer typischen LTS-Version einer Linux Distribution, z.B. einem Ubuntu-Derivat 14.04 kann man mit einem sicherem System rechnen für 5 Jahre, also bis 2019, für Cent-OS 7 lange 10 Jahre, bis Juni 2024.
Nachhaltigkeit
Kommt drauf an. Rechne ich mit einem neuen PC als Startpunkt 0 mit aktueller Hardware in die Zukunft, dann kann ein Win-PC verdammt lange durchhalten, siehe Windows XP. Die Entwicklung zeigt aber, dass die Systeme aus den Staaten obsoleszent entwickelt werden. Sehr, siehe oben. Besser geht es fast nicht. Man muss allerdings genau testen, welche Distribution geeignet ist, nicht alle sind gleich schnell, ressourcenfreundlich usw.
Prestige
Eine perfekt laufende Win-PC-Landschaft kann theoretisch viel Freude machen. Damit ist der Erfolg eines Admins gesichert, kämen nicht die vielen kleinen Probleme hinzu, die eine Win-Installation bereiten kann.Der Aufbau einer OSS-IT macht richtig Spaß, wenn man sich vorstellt, damit nachhaltig, ressourcenschonend zu werden und dem modernem Beispiel Münchens Treuchtlingen zu folgen. Naja, Spaß beiseite, wenn man sich als kleine Schule einreihen kann, um einen Beitrag für die Community zu leisten, ist es ein tolles Gefühl. Leider gibt es wenig Austausch zu dieser Frage und viel Unwissen wie Ängstlichkeit (siehe oben).

2 Responses to “Praktischer Einsatz Win 7 vs. Linux Mint als Desktops in der Schule”

  1. Marcus Moeller

    Likewise würde ich nicht empfehlen. Mit sssd ist eine Anbindung an ein Active Directory ohne weiteres möglich.

    Antworten
    • Hallo Marcus, danke für Deinen Hinweis und Grüße nach Zürich; derzeit experimentieren wir mit dem Nachfolger von Likewise: Powerbroker Open. Kannst Du ein (deutsches) sssd-Tutorial empfehlen? Bei uns sollen *buntu-Boxes an den Start gehen. Möglicherweise auch CentOS wegen der Langlebigkeit…

      Antworten

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